Allgäuer Zeitung
Donnerstag/Freitag, 20./21. Mai 2004
IM.Nummer 116
Leben voller Leichtigkeit
Die Walser Malerin Gerti Müller zeigt bewegende Natur-Impressionen
Von Rosemarie Schwesinger
Fischen
"Die Mitte ist leicht", ist eines der ersten Bilder betitelt, die den Betrachter beim Betreten der "Galerie 99" im Fischinger Latschenkieferhaus gefangen nehmen. Ein Titel, der als Synonym für die gesamte Ausstellung und den Tenor der Arbeiten von Gerti Müller gelten kann. Es sind Bilder von "der Leichtigkeit des Seins" (um einen Romantitel zu bemühen), die die Künstlerin aus dem reichen Fundus der Natur schöpft und in ihrem mittlerweile unverwechselbaren Duktus komponiert. Auf den ersten Blick besticht die positive Energie, die Leuchtkraft der Farben, der entschlossene Pinselstrich - und die heitere Anmut des häufig den Bildrand sprengenden Sujets. Welche Wertschätzung die in Bregenz geborene und seit 1972 im Kleinwalsertal beheimatete Malerin inzwischen genießt, bewies die drangvolle Enge bei der von Renate Vollmann, Allga-Pharma-Chefin und Kunstmäzenin, eingeläuteten Vernissage. Es sei drum müßig, Gertraud Müller im Oberallgäu vorzustellen, betonte Laudator Wilfried Dörler. Zur Erinnerung seien hier dennoch ein paar Daten ihrer bemerkenswerten Vita aufgelistet: Gertraud Müller war zunächst als Lehrerin verschiedener Fächer - vor allem Kunsterziehung - im Kleinwalsertal tätig bevor sie ein Psychologie-Studium an der Uni Innsbruck absolvierte. Seit 1999 ist sie Lektorin mit einem Lehrauftrag für Konfliktmanagement in Innsbruck.

Der Weg zur Abstraktion
Neben diesem erfolgreichen beruflichen Standbein hat Gertraud Müller allerdings ihre künstlerischen Ambitionen nie aus den Augen verloren und unter anderem bei Arnulf Heimhofer, bei Professorin Edda Maly in Wien sowie durch Jahrzehnte lange regelmäßige Besuche der "Kokoschka-Schule des Sehens" und durch Aquarell-Studien bei Bernhard Vogel in Salzburg vertieft. Neben diesen Lehrmeistern und Schulungen seien zeitgenössische Maler wie Oskar Koller, Heribert Mader und die (stark auf Monet bezogene) Joan Mitchel prägend für Gerti Müller gewesen, erläuterte Wilfried Dörler.
Bevor ein Bild entstehe, befalle "Gerti" eine gewisse Unruhe und das zwingende Bedürfnis, zu malen. Wenn sie ein Thema gefunden habe, dann beschäftige sie sich so intensiv damit, dass Variationen in mehreren Bildern festgehalten werden. Bei der künstlerischen Auseinandersetzung wandere das naturalistische Element in den Hintergrund und vor dieser Folie gelange Gerti Müller verstärkt zur Abstraktion. "Sie will nicht die Natur wiedergeben, sondern das von ihr Wahrgenommene und Empfundene mit ihren künstlerischen Mitteln sichtbar machen", brachte WiIfried Dörler die Intentionen der Künstlerin auf den Punkt.
In der Tat haben sich die jetzt gezeigten Bilder immer mehr vom Gegenständlichen gelöst, um verstärkten Freiraum für Bildgestaltung und Farbe zu erlangen. Neben dem einstigen Markenzeichen der Künstlerin, den duftigen, federleichten Aquarellen, beherrschen jetzt markant konturierte und entschlossen abstrahierte Acrylarbeiten das Sujet. Neben "Kursschwankungen" (einer Serie formal aufgelöster, anmutiger Aquarelle) leuchten "Rote Bäume", bizarre Pflanzenwelten oder "hellgrüne Waldränder" im Wettstreit mit einem "Toscana"- oder "Sumpfland"-Triptychon, dessen Motiv nur mehr durch hingetupfte oder sanft fließende Konturen im impressionistischen Farbenrausch erkennbar werden. Faszinierend dabei, dass trotz veränderter Ausdrucksmittel die Handschrift der sensiblen Künstlerin unverkennbar bleibt. Neuland dagegen betritt Gerti Müller mit einigen figürlichen Studien und Porträts - ein Experimentierfeld vorerst, wie sie sagt, dem sie vielleicht künftig noch mehr Gewicht verleihen möchte.